Der 8. Mai 1945 im deutschen und algerischen Bewusstsein – Perspektiven für ein friedliches Zusammenleben
Am 30. Mai 2026 erinnerte das Maghreb-Haus e.V. gemeinsam mit dem Deutsch-Algerischen Kulturverein e.V. mit einem bunten Programm an den 8. Mai 1945.
Nach der musikalischen Begrüßung durch die El-Kelaa Band aus Hamburg hieß der Vizepräsident des Maghreb Haus e. V., Amir Hallouane, die Gäste auch im Namen des Deutsch-Algerischen Kulturvereins im Kulturschloss Wandsbek herzlich willkommen.
Nach einem Blick auf den Programmablauf erfuhren die Anwesenden über die Inspiration des den Abend bestimmenden Thema: Aufgrund seiner deutsch-algerischen Wurzeln besteht ein besonderes Interesse an Ereignissen in der deutschen und algerischen Geschichte wie der 8. Mai 1945, die die Kultur und die Geschichte beider Länder miteinander verbinden. Zusätzliche Motivation lieferte der „Tag des friedlichen Zusammenlebens“ am 16. Mai, der 2017 von der UN ins Leben gerufen wurde und in diesem Jahr unter dem inspirierenden Motto „Vertrauen aufbauen – durch Dialog, Inklusion und Versöhnung“ steht.

Und in der Tat – wie die Frage ins Publikum bestätigte – ist der 8. Mai 1945 ein Datum, dass einen Wendepunkt in der Geschichte beider Länder bedeutet. Für die deutschen Gäste ist der 8. Mai 1945 mit dem Ende des Zweiten Weltkrieges bzw. des Nationalsozialismus verbunden und bildet den Grundstein für Demokratie und Frieden.
Für die Teilnehmenden mit algerischem Hintergrund ist der 8. Mai 1945 unweigerlich mit dem Massaker von Sétif verbunden, die blutige Niederschlagung von Unruhen ab diesem Datum in den algerischen Orten Sétif, Guelma und Kherrata durch französisches Militär und Milizen. Obgleich der 8. Mai immer wieder an die laut algerischer Quellen 45.000 Toten des Massakers erinnert, war das Datum aber auch mit großen Hoffnungen verbunden und markiert letztendlich den Beginn eines unumkehrbaren Prozesses algerischer Bemühungen um einen unabhängigen Nationalstaat.
Die Menschen wollten gleichermaßen den Sieg gegen den Nationalsozialismus feiern und an die Emanzipationsversprechen von General de Gaulle (Rede von Brazzaville, Januar 1944) erinnern. Doch die Hoffnungen, dass ein Ende der Besatzung Frankreichs nun auch die Freiheit Algeriens anstoßen könnte, wurden nicht erfüllt. Diese enttäuschten Erwartungen ließen die Bevölkerung Algeriens umso heftiger reagieren. Es kam zunehmend zu Demonstrationen. Es wuchs ein Klima des Widerstands heran, welches schließlich die Gründung der Front de Libération Nationale (FLN) nach sich zog, die den bewaffneten Kampf als einzige erfolgsversprechende Möglichkeit ansah. Das Massaker vom 8. Mai 1945 legte dementsprechend den Grundstein für den bewaffneten Befreiungskampf bzw. den Algerienkrieg (1954-1962), der schließlich zur Unabhängigkeit Algeriens führte.
In den 1960er-und 70er-Jahren wurde Algier dann zu einem Zentrum für antikoloniale Bewegungen. Es folgte die Unabhängigkeit vieler afrikanischer Staaten wie Botswana und Lesotho, Äquatorialguinea, Mauritius, Swasiland, Guinea-Bissau, Angola sowie Mosambik.
Zusammenfassend hielt der Vortragende fest:
- Der 8. Mai 1945 verbindet die deutsche und algerische Geschichte. Das Datum ist eng mit der Emanzipation von der Kolonialherrschaft in Algerien verbunden.
- Die mit den Ereignissen in Europa verbundenen Aufstände ebneten den Weg für den Befreiungskampf und schließlich die Unabhängigkeit Algeriens.
- Die algerischen Befreiungsbemühungen galten als Vorbild für andere afrikanische Staaten. Der 08. Mai ist daher mit der Geschichte der Entkolonialisierung des Kontinents verbunden.
Nach dem Vortrag war das Publikum unter dem Motto des diesjährigen Internationalen Tages des friedlichen Zusammenlebens „Vertrauen aufbauen durch Dialog, Inklusion und Versöhnung“ eingeladen über die politischen Beziehungen zwischen dem Maghreb – speziell Algerien – und Deutschland sowie dem Zusammenleben zwischen der maghrebinischen und deutschen Kultur in Deutschland in den Dialog zu treten.
Dabei wurde deutlich, dass man nicht viel über Algerien wisse bzw. höre, aber durchaus großen Interesse an den Menschen und an dem Land besteht.
Vorstandsmitglied Jutta Höflich verwies auf die Aktivitäten der in Hamburg ansässigen algerischen Vereine – auch im Rahmen der jährlichen Arabischen Kulturwochen Hamburg. Sie selbst habe vor einigen Monate im Rahmen einer Veranstaltung über die Diplomatischen Beziehungen zwischen Deutschland und Algerien berichtet. So seien die Beziehungen vielleicht leise, aber beständig. Besonders im Bereich der Erneuerbaren Energien bestünde eine gute Zusammenarbeit. Auch der kulturelle Austausch würde stetig ausgebaut. Letztlich warb sie auch für den Arab Basar während der Altonale am 14./15. Juni 2026 mit Kunsthandwerk auch aus dem Maghreb.
Weitere Gäste berichteten von ihren Eindrücken einer kürzlichen, zweiwöchigen Reise nach Algerien. Mourad Bekakcha vom Deutsch-Algerischen Kulturverein e. V. erklärte, dass man gerade, weil man das Land öffnen möchte, einen für Touristen vielleicht ungewöhnlichen Sicherheitsaufwand betriebe. Zudem ergänzte er, dass nur ca. 60.000 Algerierinnen und Algerier in Deutschland leben. Davon seien viele auch erst in den 1990er Jahren nach Deutschland gekommen und mussten sich erst einmal in ihrer neuen Heimat organisieren, bevor sie sich der Bewahrung des kulturellen Erbes ihrer alten Heimat und dem Brückenbau zwischen Deutschland und Algerien widmen konnten.
Nach dem Vortrag und dem lebhaften Dialog waren die Gäste herzlich eingeladen, maghrebinische Spezialitäten zu goutieren, sich kennenzulernen und auszutauschen.

Fußball für die Freiheit – Beeindruckende Dokumentation über die Gründung der Equipe du FLN
Nach der kulinarischen Reise in die Maghreb-Region und dem angeregten Austausch ging der Abend auch anlässlich der Fußball-Weltmeisterschaft vom 11. Juni bis 19. Juli 2026 in Mexiko, Kanada und den USA mit Teilnahme der Nationalmannschaft von Algerien (Gruppe J) mit einem besonderen Film weiter. Mourad Bekakcha, Sportbeauftragter des Deutsch-Algerischen Kulturvereins, begrüßte die Gäste zu der Dokumentation „Les Rebelles du Foot“ – Fußball für die Freiheit. Dabei geht es um die spektakuläre Absetzung von zehn in Frankreich spielenden algerischen Profifußballern – darunter die algerische Fußballlegende Rachid Mekhloufi – im Jahr 1958, kurz vor der Fußballweltmeisterschaft in Schweden. Im Untergrund gründeten sie die erste inoffizielle Nationalmannschaft Algeriens, das sogenannte FLN-Team (Equipe du FLN). Diese Aktion zielte auf Folgendes ab:
- Symbol für die Freiheit: Das Team spielte für ein Algerien, das zu diesem Zeitpunkt noch nicht als unabhängiger Staat existierte.
- Politische Aufklärung: Die Spieler nutzten den Sport, um weltweit auf den blutigen Unabhängigkeitskrieg Algeriens aufmerksam zu machen, den die damalige französische Regierung offiziell nur als „innere Polizeimaßnahme“ deklarierte.
- Solidarität: Die Mannschaft bestritt zwischen 1958 und 1962 fast 80 Spiele in aller Welt, hauptsächlich in Ländern, die den algerischen Freiheitskampf unterstützten.
Die FIFA verhängte daraufhin harte Sanktionen. Die Spieler wurden vom internationalen Fußball ausgeschlossen, und jedem Verein oder Land, das gegen diese algerische Auswahl antrat, drohten ebenfalls Spielsperren. Dennoch diente das FLN-Team als mächtiges diplomatisches Instrument und Identifikationsfigur für die Freiheit und Unabhängigkeit Algeriens.
Beeindruckt von dem Mut der Fußballer, die in der Dokumentation von ihrer spektakulären Flucht, ihren Ängsten und ihrer immer noch tiefsten Berührung beim Erklingen der algerischen Nationalhymne „Qassamam“ (zu Deutsch: Wir geloben) sprachen, genossen die Gäste abschließend noch einmal Musik mit Hakim Hadjer (Gesang & Mondola), Bilal Kirati (Gesang & Guitare), Samy (Banjo), Jugurtha Amari (Tar) und Akram Zegour (Darbouka) von der EL-Kelaa Band.
Übrigens: El-Kelaa bedeutet auf Deutsch „die Zitadelle“ oder „die Festung“ und symbolisiert Stärke, Schutz und die Bewahrung kulturellen Erbes.
In diesem Sinne danken wir dem Kulturschloss Wandsbek für die Gastfreundlichkeit, der Bezirksversammlung Wandsbek für die finanzielle Unterstützung und dem Koch- und Serviceteam mit Aimen, Mourad, Youcef, Salah, Ilyes, Adam und allen, die diesen Abend im Zeichen des Austauschs und friedlichen Zusammenseins möglich gemacht haben.
Und allen, die sich mit der Bedeutung und der Geschichte des 8. Mai 1945 näher auseinandersetzen möchten, legen wir die Lektüre von „8 mai 1945 Le tournant historique et la littérature Algérie, Tunisie, Maroc, France, Allemagne“ von Isabella von Treskow, erschienen im Donata Kinzelbach Verlag. Die Publikation in französischer Sprache versucht eine Forschungslücke zu schließen, indem sie sowohl auf der Ebene der vorgestellten französisch- und deutschsprachigen Literatur als auch auf der Ebene der Autor*innen den dominanten nationalen Rahmen der erinnerungskulturellen Debatten rund um das Ende des Zweiten Weltkriegs verlässt, um mit einem „Blick von außen“ das Verborgene, Vergessene oder Verdrängte der jeweiligen kollektiven Vorstellungswelten herauszuarbeiten. Der Sammelband wurde durch das Zentrum Erinnerungskultur gefördert.